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'der gelbe salon'
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'der gelbe salon'
wer berlin kennt, weiss, dass es hier eine ruhmreiche salontradition gibt. wir kennen den roten salon, den grünen salon, aber ...
... irgendwann versteht man, dass man die einzige party darstellt, auf der man dauerhaft tanzen kann und im moment bin ich wieder auf einer dieser parties.
ich sitze in meinem gelben salon und denke nach. mein salon ist etwa 28 qm gross und von meiner neigung zum kettenrauchen sind die tapeten recht verquarzt. deshalb heisst er auch der gelbe salon. also, ich sitze da und natuerlich rauche ich und blaettere so rum. monopol, spex, und im zeitmagazin finde ich:
'ich liebe literatur, weil man dabei nicht luegen kann'. eine literaturreise von zoe jenny. darunter sehe ich ein sensibles gesichtchen in viel schwarzweiss und vielleicht stand da auch irgendwo ein datum.
'in der literatur kann man nicht luegen ?', frage ich mich, und ' welche art literatur soll das werden? '
literatur ist nicht realitaet, und ein wodka ist keine kartoffel. destillieren ist eine kunst, aber per definition auch eine luege, so wie jede photographie ein destillat ist, und insofern immer eine luege. durch kuenstlichkeit zur wahrheit nannten wir das, als man sich fuer bafoeg noch die welt kaufen konnte.
wenn sich solche thesen herumsprechen, dann koennen alle moenchhausens dieser welt einpacken, allen voran ich.
ich denke an alle suessen luegen, die mein leben moeglich gemacht haben und nach wie vor bereichern. jenseits des regenbogens zieht man sich am eigenen schopf aus dem sumpf und die gaense, auf deren ruecken man in die freiheit fliegt sind bunt, nicht schwarzweiss. vielleicht haenge ich zu sehr an optischen eindruecken, aber der inhalt von frau jennys aussage gibt mir wirklich zu denken.
als ob man es nicht schon schwer genug haette. ich bin kein maedel und auch kein ossi, ich gehoere keiner ethnischen minderheit an. meine oma kam ueber das bayerische schwaben nie hinaus und war auch nie mit einem inuit verheiratet. nicht, dass ich einen auf eskimo machen wollte, aber ein mann wird doch noch traeumen duerfen ? ich zahle meine steuern, aber selbst da spielte ehrlichkeit bisher eine untergeordnete rolle. reicht es nicht, dass mir eine karriere als folkloristisches unikum der kulturszene verstellt ist ? jetzt also ehrlichkeit ?
weltschmerz beiseite. ich bekomme heute noch besuch von einem guten bekannten. ein belesener mensch und freier denker. wir wollen ueber vieles reden, aber meiner erfahrung nach wird es soweit nicht kommen.
mein freund ist ein mensch, der jeden lichtschalter derart zoegerlich anfasst, dass alle betroffenen gluehbirnen nicht recht wissen, was von ihnen verlangt wird. meist brennen sie mit einem verzweifelten zischen durch. gottseidank hat er noch nie versucht meinen kuehlschrank zu oeffnen.
dabei ist er keiner, der sich zielsicher auf einem schmalen grad, z.b. dem zwischen licht und schatten oder 'gesunder skepsis' und 'vernichtendem zynismus' bewegen koennte. das einzig skeptische und vernichtete in seiner umgebung sind die gluehbirnen, die seinen weg haetten erhellen koennen.
der zuhoerer wird es ahnen. mein freund hat auch ein, sagen wir komplexes verhaeltnis zu frauen und ich troeste ihn meist mit der erkenntnis, dass sowohl liebe, als auch strom seltsame wege gehen. der zuspruch, den ich ihm zukommen lasse, aendert aber nichts daran, dass ich es satt habe nach seinen besuchen im dunklen zu sitzen. in diesen momenten glaube ich, dass wir noch zu wenig von der tragik der welt wissen. das einzige, was uns das licht ausblaest, sind gute freunde, mit einer indifferenten haltung zu strom.
und da ich schon beim thema strom,frauen und grundbeduerfnisse bin.
vor einigen wochen bekam ich eine email. sie enthielt die anfrage, ob ich nicht eventuell willens sei, im zuge des relaunch, man kann auch renovierung sagen einer internetseite ein paar textbausteine zur selbstdarstellung einer eventagentur zu liefern.
da ich ein anhaenger der buddhistischen geistesschule bin, wonach alles in allem steckt und darueber hinaus auch noch protestant, was besagt, dass man sich auf erden muehsam sorgen oder sorgsam muehen muss, sagte ich zu. in meiner rolle als kuenstler vergass ich darueber hinaus natuerlich nicht zu betonen, wieviel integritaet, einfuehlung und umsicht ein derartig sensibles projekt erfordere. gemessen an den klippen, die es zu umschiffen galt, war das entgeld, das ich veranschlagte laecherlich.
gesagt, getan, ich dichtete los und am ende wards allen zufrieden. offensichtlich hatten meine neuen freunde, die eventmenschen, nichts gegen eine handfeste portion fiktion hinsichtlich der darstellung ihres unternehmens. schliesslich sagte man mir, ich koenne nun die rechnung stellen.
fuer das schreiben der rechnung brauchte ich nochmal solange, wie fuer die arbeit selbst, aber ich wollte der letzte sein, der dem gebahren und den mechanismen der modernen geschaeftswelt knueppel zwischen die beine wirft.
seither sind einige monate vergangen, ohne dass obige geschaeftswelt, respektive meine neuen freunde in persona ein weiteres lebenszeichen von sich gegeben haetten. auch dieses laecherlich kleine suemmchen, das honorarchen sozusagen, hat seinen weg in mein gironestchen noch nicht gefunden.
im gegenzug warten inzwischen aber ein paar nette menschen von einem serviceclub namens gasag auf einen obulus von mir.
mit den mitarbeitern dieser gasag ist hoffentlich gut kirschen essen, denn sie wollen die tage jemanden im gelben salon vorbeischicken, um nach dem rechten zu sehen, obwohl ich schon mehrmals betont habe, dass ich nicht weiter erinnert werden muss. schliesslich geht es nicht nur um heisse luft fuer eine wohnung, sondern um badewasser fuer meine wanne.
sie koennen im moment die schwimmhaeute zwischen meinen zehen nicht sehen, aber wenn ich ihnen sage, dass ich im besitz des schwarzen guertels im heissbaden bin, werden sie und letztendlich auch die verantwortlichen der gasag erkennen, dass heisswasser zu meinen unverzichtbaren grundbeduerfnissen gehoert, ich es quasi zum lebenserwerb und lohnerhalt benoetige und mir daher nichts davon entzogen werden darf.
oft vermischt sich fantasie und wahrheit zu einer sache, die manche luege nennen koennten. ich nenne es gerne destillat.
---> für die lesebühne 'Die Brauseboys' / 2006 |
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